Wie geht CORONA-Resilienz

von

HÜBSCHMANNS COACHING BLOG

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In seinen Blog-Artikeln geht Wernfried Hübschmann auf aktuelle Themen ein, die für Sie persönlich und für Ihr Business interessant und relevant sind. Nehmen Sie gerne auch Kontakt auf unter

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WIE GEHT CORONA-RESILIENZ

oder „Angst essen Seele auf“

I

Wir brauchen Corona-Kreativität

Die aktuelle Lage konfrontiert jeden von uns mit seinen eigenen Ängsten. Mit der eigenen Krisenfestigkeit. Mit der eigenen „Resilienz“, also der Fähigkeit, schwierige Situationen anzunehmen zu bestehen, zu überstehen und daraus zu lernen. Und die Fragen, die aktuell auftauchen, sind keine einfachen Fragen. Wie ernst ist die Bedrohung wirklich? Wie kann ich mich und meine Familie schützen? Wie geht es weiter in meinem Beruf? Wie lange wird diese „Krise“ dauern? Wird meine Welt danach noch dieselbe sein? Nein, wir haben unser Leben aktuell nicht “im Griff“. Ist das überhaupt wünschenswert? Wir alle haben die Aufgabe, die eigene Resilienz zu stärken. Der Krisenmodus als Treiber des Fortschritts. Es geht nicht nur um Co-Kreativität, sondern um Corona- Kreativität.

Das Virus und die Krise kommen uns in zweierlei Gestalt entgegen: Als theoretisches Risiko im Sinne einer statistischen Wahrscheinlichkeit, infiziert zu sein oder zu werden. Und als ganz praktische und reale Gefahr in Form eines stacheligen Kugelfischs, genannt Covid-19. Die Schwierigkeit besteht darin, dass beides, das Risiko UND die Gefahr, völlig abstrakt, sind jedenfalls, solange wir gesund sind und uns gesund fühlen. Das Risiko kommt uns entgegen als Zahlenwerk, als Statistik, die aus dem Kanzleramt kommen, vom Robert-Koch-Institut oder aus den social media. Kompliziert, unübersichtlich, für den Laien verwirrend.

Tauchen „hinter“ dem CoV-2-Virus neue Lebensmöglichkeiten und Zukunftsideen auf? Oder stecken wir noch fest im Muster der „erlernten Hilflosigkeit“? Sitzt die Angst uns im Nacken oder gehen wir erhobenen Hauptes weiter, ins unerforschte Gelände, ins Neuland der eigenen Möglichkeiten?

II

Das Phänomen „Angst“

ist, evolutionsbiologisch gesehen, ein wichtiger Baustein des sozio-ökologischen „Frühwarnsystems“. Ohne den ausgeklügelten Angst-Mechanismus hätte es unsere Spezies nicht dahin gebracht, wo sie heute steht. Und möglicherweise wird sie mit der Angst sich und ihre Existenz ernsthaft selbst gefährden. Angst ist dafür gemacht, uns vor Gefahren zu warnen. Wenn wir nachts ein unklares Geräusch hören, unsere Gegenüber im Bus finster-feindlich dreinblickt, ein Lehrer uns vor der Klasse oder der Chef uns im Meeting bloßstellt, dann ist das angst- bzw. stressauslösend und aktiviert in uns die drei Überlebens-Varianten Kampf, Flucht oder Totstellen. Erhöhter Puls, erhöhter Blutdruck, feuchte Hände etc. sind die bekannten Begleiterscheinungen – und, leider, reduziertes Denk- und Sprachvermögen.

Vor Hunderttausenden von Jahren und in bedrohlicher Umgebung war „Angst“ „sinnvoll“. Risiken klug einzuschätzen oder einer Gefahr auszuweichen (etwa nicht zu Fuß über eine Autobahn zu laufen), kann uns auch heute noch das (Über)Leben sichern. Denn Angst ist nicht Schlimmes oder Negatives. Angst ist ein wichtiges Primärgefühl! Es steuert die Reflexe. Aber nicht die Reflexion. Zu besonnenem Handeln und klugen Entscheiden brauchen wir beides. Der Angst-Reflex zeigt auf Risiken und Gefahren. Die vernunft-geleitete Reflexion weist uns den Weg oder Ausweg durch Nachdenken und kluge Entscheidungen.

III

Stress, Sorgen und Ängste

sind also Teil eines biologischen Erbes, das wir nicht einfach abschütteln können. Und Teil des beruflichen und privaten Alltags. Angst ist ein Naturphänomen. Unsere moderne Existenz ist freilich ein Kulturphänomen. Die zivilisatorischen Errungenschaften, die unseren modernen Alltag prägen, sind sehr „jung“. Erst seit knapp einer Generation bestimmt die Digitalität mehr und mehr unsere berufliche Praxis. Die technologischen Neuerungen verunsichern viele Menschen und schaffen Herausforderungen, von denen wir oft noch nicht wissen, ob und wie wir sie meistern werden. Tempo und Komplexität haben sich in den allermeisten Berufen signifikant und rasant erhöht.

Die große Aufgabe für uns alle besteht darin, Bedingungen und Kontexte für kooperativen Arbeitens zu schaffen, in denen DENNOCH weitgehend angst- und stressfrei agiert werden kann. Und gleichzeitig Strategien erlernt werden für den Fall, dass „Angst“, Furcht und Stress temporär nicht zu vermeiden sind. Daher Resilienz. Daher Resilienz-Trainings und Resilienz-Coaching als fester Bestandteil von beruflicher Weiterbildung.

Frage: Ist angstfreies Leben und Arbeiten überhaupt wünschenswert? Antwort: Ja, unbedingt! Ist es möglich? Ja, durchaus! Wenn alle beteiligten Kolleginnen und Kollegen, das organisatorische Umfeld, Familie und Freunde gemeinsam an dieser Idee und ihrer Realisierung arbeiten. Wenn wir sagen „angstfrei“, gehören gleichwohl Phänomene wie Sorge, Furcht, Verstimmung, Sympathie und Antipathie mit dazu. Sie sind ebenso Teil unseres Alltags. Alles gehört in unser Leben, auch die Schattenseiten. Entscheidend ist, dass wir unseren Alltag als eine leistbare und lebbare Herausforderung begreifen, die genügend Stabilität bietet und positive Rückkoppelungen (also Erfolgserlebnisse) schafft.

Dazu tragen vor allem zwei Aspekte bei:

  • Autonomie:

selbständiges Arbeiten, Entscheidungsfreiheit, Kreativität und die „Abwesenheit“ von Stress, Druck und Bedrohung. Mit anderen Worten: individuelle Freiheit.

  • Zugehörigkeit:

Sicherheit und Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen, also Familie, Firma, Freundeskreis und anderen sinn-stiftenden Gemeinschaften. Mit anderen Worten: Bindung.

IV

Die große Kraft des DENNOCH!

Eines ist wichtig: Die „Angst vor der Angst“ wäre ein Holzweg. Angst „darf“ sein. Die aktuelle „Krise“ erwischt jede/n von uns an seinem/ihren ganz eigenen „wunden Punkt“. Was können wir also dazu beitragen, um die eigene „Resilienz“ und die unserer sozialen Umgebung zu stärken? Im „Dennoch“, einer Orientierung an übergeordnetem Lebenssinn (s. Viktor Frankl) und konkreten Zielen, steckt eine ganz eigene Kraft, um die das hochaktuelle Thema „Resilienz“ kreist.

Ich möchte fünf Bausteine praktischer Resilienz nennen:

1.

Wo Angst auftaucht, darf sie sein.

Es hilft, genau hinzuschauen, wovor wir uns zu fürchten beginnen. We should face the devil, wie es im Englischen heißt. Das Hinschauen, Akzeptieren und Ent-Tabuisieren konkretisiert das diffuse Gefühl und macht die Dinge und Ereignisse benennbar. Wovor will die Angst uns warnen? Was ist ihre wohlmeinende Botschaft an uns? Inwieweit ist sie ein Warn- und Orientierungssignal? Was will sie uns sagen?

2.

Es ist hilfreich, sich mitzuteilen,

mit vertrauenswürdigen Menschen zu sprechen, die Sorgen und Nöte zu „teilen“. Die Konfrontation mit der Angst ist naturgemäß nicht nur „rational“. Aber vernünftig! Oft entsteht durch gute Gespräche bereits eine Entlastung oder es ergeben sich neue Ideen und Strategien. Es ist tröstlich, angehört und verstanden zu werden und zu erkennen, dass es anderen Menschen ganz ähnlich geht wie mir selbst.

3.

Richten wir den Blick auf das, was NICHT gefährdet ist,

sondern stabil, belastbar und verlässlich. So entstehen neue Relationen, die Verhältnisse werden zurechtgerückt. Wo bin ich gut aufgehoben? Wer schätzt mich, meine Arbeit, meinen Beitrag? Durch diese Perspektivenverschiebung bewegt und verändert sich das Gesamtbild. Die Sicherheiten bekommen mehr Gewicht und wir selbst festen Boden unter den Füßen. Mich trägt das, was mich prägt. Dazu gehören auch Transzendenz, Spiritualität und vielleicht eine religiöse Gemeinschaft.

4.

Wer kann wie, bis wann und auf welche Weise helfen und etwas für uns tun? Wer im Umfeld ist eine Stütze, eine Hilfe, ein vertrauenswürdiger Gesprächspartner? Es tut immer gut, sich unterstützen zu lassen und zu wissen: Ich bin nicht allein! Wichtig ist, angebotene Hilfe auch anzunehmen, ohne „falschen“ Stolz. Wir sind es wert, dass andere (die das gerne tun) uns begleiten und unterstützen! Die reflexhafte Reaktion, sich zurückzuziehen ins „Schneckenhaus“, ist menschlich und verständlich. Genauso wichtig ist es freilich, „die Fühler auszustrecken“, sich nicht auf Dauer zu verkriechen.

5.

Lassen sich schon Zukunftspläne schmieden?

Taucht schon eine andere Variante von Zukunft am Horizont auf? Falls nicht, dann darf auch diese „lösungsoffene“ Situation sein. Die Fähigkeit, diese Offenheiten und Unsicherheiten („Ambiguitäten“) auszuhalten und ins Kreative zu wenden, ist ein wesentlicher Baustein von Resilienz. Ambiguitätstoleranz kann geübt werden. Diesem Zweck dienen Resilienz-Trainings, spezielle Coaching-Formate oder andere persönlich-keitsorientierte Seminare, zum Teil auch als Online-Konferenz denkbar oder mit Skype, Teams oder ZOOM realisierbar.

V

In seinem lesenswerten Buch

„Im Grunde gut“ (Rowohlt, 2020) legt der niederländische Historiker Rutgart Bregman dar, dass das wichtigste Erfolgsmodell der Geschichte das „Prinzip Kooperation“ war und ist (s. auch Joachim Bauer zu „Selbststeuerung“, „Resilienz“, „Empathie“ usf.). Zusammenarbeit ist sehr wohl angstfrei möglich, denkbar und wünschenswert! Kooperation ist in jedem sozialen Kontext wichtiger als Konkurrenz. Entfaltung und Entwicklung, Sinn und Zweck des eigenen Tuns helfen, unklare und schwierige Situationen zu überstehen und zu überwinden.

In dem Film „Angst essen Seele auf“ (1974) von Rainer Werner Fassbinder (mit der wunderbaren Brigitte Mira und El Hedi ben Salem) führt uns die Geschichte vor, was Angst für Verwüstungen in uns anrichten kann und wie heilsam andererseits Liebe,  Zuwendung und Mut sein können. Das Ziel muss sein, aus den Zumutungen des Virus Impulse für ein neues WIR zu gewinnen. Dann kann der WQIRUS auch Gutes bewirken oder dazu beitragen, dass wir für uns klären, was wirklich wichtig ist. Worum es uns wirklich geht. Und wer uns tatsächlich am Herzen liegt. Denn einmal mehr zeigt sich, dass der soziale Faktor im Privaten wie im Professionellen die wichtigste stabilisierende Säule von Corona-Resilienz ist.

Eines noch: Jede Form von Angst ist in ihrem Kern Todesangst. Das ist evolutionspsychologisch auch einleuchtend. Daher bekommen wir Angstfreiheit im modernen Arbeitsalltag nicht geschenkt. Wenn wir aber innerlich frei werden, dann werden wir auch frei VON Angst und vor allem frei VOR der Angst, die wir nun anschauen und in uns befrieden können. Sie bekommt ihren Platz. Sie sitzt uns nicht mehr „im Nacken“. Wir können mit ihr umgehen. Veränderungskompetenz und Resilienz gehören ganz eng zusammen! Die Inklusion der Gefühle (aller Gefühle!) und die damit verbundene emotionale Kompetenz wäre eine wirkliche attraktive und zukunftsfähige Form von praktischer Resilienz.

Resilienz beschönigt nichts.

Sie macht uns stärker. Und das Leben schöner.

Wernfried Hübschmann (Juni 2020)
www.wernfried-huebschmann.de
wh@wernfried-huebschmann.de

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